Kann das wahr sein – Stress als guter Lehrmeister fürs Leben?

20120417-IMG_5454Zu viel Stress nervt. Und man hätte gerne weniger davon. Jetzt weisen Hirnforscher auf das Lernpotenzial hin, das in Stress-Situationen steckt. Denn der Stress zeigt uns: Hier klappt was nicht so gut! Hier kannste was lernen! 

“Stress-Reaktion haben wir nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns ändern können”, erklärt der Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen.*  ”Krank werden wir erst dann, wenn wir die Chancen, die sie uns bietet, nicht nutzen. Wenn wir die Herausforderungen, die das Leben bietet, vermeiden, ebenso, wie wenn wir immer nur ganz bestimmte Herausforderungen suchen.”

Nach Hüthers Ansicht ist das Problem mit dem Stress also nicht, dass wir ihn empfinden – sondern problematisch wird es, wenn wir immer wieder in dieselben Stress-Fallen tappen, statt aus ihnen zu lernen. Oder wie Hüther es ausdrückt: “Wenn wir uns weigern, diese Angst vor Veränderung zuzulassen und unsere Ohnmacht einzugestehen, ebenso, wie wenn wir unfähig sind, nach neuen Wegen zu suchen, um sie überwindbar zu machen.”

Aber was bedeutet das im Alltag?
Zum Beispiel dass ich anfange, typische Stress-Situationen auf ihr Lernpotenzial hin zu erforschen. Das könnte dann so aussehen:

“Die Email-Flut stresst mich! Wenn ich alles ordentlich bearbeite, bleibt keine Zeit mehr für die echte Arbeit!”

  • Welche Lernaufgabe steckt in diesem Stress?
  • Zum Beispiel die Frage, wie ich die Flut steuern kann, so dass sie mich nicht blockiert.
  • Eine neue Handlungsmöglichkeit könnte sein: Alle ein oder zwei Stunden Emails checken, statt laufend online sein.

“Ich kann auch nach dem Job gar nicht abschalten. Dauernd denke ich an die Arbeit. Das nervt!”

  • Welche Lernaufgabe steckt in diesem Stress?
  • Zum Beispiel besser abschalten zu lernen.
  • Eine Handlungsmöglichkeit könnte sein, in einen Kurs der Volkshochschule oder im Sportverein zu suchen, in dem es um Abschalten und Entspannung geht. Je nachdem, was einem liegt: Yoga, Autogenes Training.

Eine interessante Blickrichtung, wie ich finde. Und was meinen Sie?

Herzliche Grüße

Carola Kleinschmidt

*Gerald Hüther: Jeder Mensch ist zu tiefgehenden Lern- und Veränderungsprozessen befähigt. In: Bertelsmann Stiftung (Hg.): Ressourcenförderung in Zeiten ständigen Wandels. Resilienz für Mitarbeiter, Führungskräfte und Unternehmen. Gütersloh 2013, S. 51