Das ehrliche Interview: Catharina Bruns “Wer sich wirtschaftlich mündig macht, kriegt kein Burnout!”

csm_bruns_catharina_d533dca8b6Catharina Bruns ist leidenschaftliche Unternehmerin. Sie hat supercraft gegründet – ein Versand für DIY-Kits, Lemon Books erfunden – personalisierte Notizhefte, superwork mit ins Leben gerufen – ein Blog mit Geschichten von modernen Selbermachern. Und mit ihrem Buch „Work is not a job. Was Arbeit ist, entscheidest du!“ hat sie die Diskussion über eine neue Haltung zur Arbeit ordentlich in Schwung gebracht. Ihr Aufruf: Leute, schaut doch lieber, was euch wirklich bewegt, für welche Arbeit Ihr euch zuständig fühlt, statt ständig weiter zu erwarten, dass irgendein Job euch glücklich machen soll. Bruns ist davon überzeugt, dass eine unternehmerische Arbeit, die man selbst wählt und gestaltet, nicht nur eine der besten Formen der persönlichen Weiterentwicklung bereithält, sondern auch ein Auskommen sichern kann und dabei auch noch Gutes in die Welt bringt. Ihre eigenen Geschäftsideen zeigen, dass es wirklich funktioniert.
Ich habe mich trotzdem gefragt: Bei so viel Aktion – wie hoch ist da der Stresspegel? Ich erwische Catharina in ihrem Studio, kurz bevor sie zu ihrer Oma nach Hamburg düst, die 90 Jahre alt wird.

Hallo Catharina, du hast so viele Projekte am Start – hast Du eigentlich auch so etwas wie einen normalen Alltag, eine ruhige Minute?
Catharina: Ich empfinde meinen Alltag überhaupt nicht als stressig. Ich bin niemand, der Büro-Routine bevorzugt. Insofern sieht mein Arbeitstag nur selten sehr gleich aus. Ich kann ja selbst entscheiden, was ich wann tun möchte. Ich tue sehr viele verschiedene Dinge und natürlich gibt es auch Regelmäßigkeiten.  Ich bin zum Beispiel auch leidenschaftliche Langstreckenläuferin. Das heißt, ich laufe in der Woche 60 bis 80+ Kilometer. Und ich habe einen jungen Hund. Der will auch mal raus. Man kann viel mehr an einem Tag unternehmen, als man es sich theoretisch ausmalt. Wenn ich meiner Arbeit nachgehen kann, dann versetzt es mich nicht in Stress, sondern im Gegenteil, es entspannt mich. Selbstbestimmung ist da das Stichwort. Natürlich gibt es viele Dinge, die einfach getan werden müssen. Aber letztlich kriege ich alles gut unter einen Hut. Ich arbeite ja außerdem auch mit einer tollen Gründer-Partnerin. Sophie und ich sind ein perfektes Team.buch_workistnotajob

Das klingt ein wenig so, als wenn Du mit der Klage über den Mega-Stress, unter dem so viele Arbeitnehmer leiden, nicht so viel anfangen könntest …
Catharina: Ich denke, dass ein großer Teil von dem Stress, den die Leute empfinden, damit zu tun hat, dass sie sich stark in Jobs engagieren, die ihnen eigentlich nichts bedeuten. Überengagement auf falscher Ebene, anstatt sich selbst auf die richtige Weise zu fordern. Negativer Stress entsteht doch, wenn wir uns für etwas aufreiben, das wir nicht selbst steuern können, wenn wir  kaum Gestaltungsmöglichkeiten haben und getrieben sind von Vorgaben und wohlmöglich auch noch mit den falschen Leuten zusammenarbeiten müssen. Wenn Arbeit nur ein Job ist, der erledigt werden muss, mit dem Hauptziel das Leben zu versichern. Von dieser Haltung zur Arbeit müssten wir ganz weggekommen, denn sie ist angstgetrieben. Wenn wir über die Zukunft der Arbeit reden, dann meist darüber, dass das Angestelltendasein für alle angenehmer sein soll. Die Selbstständigkeit, die ja auch beinhaltet, das man seine Arbeit selbst gestalten kann und Zuständigkeiten in die eigene Verantwortung legt, wird mir zu einseitig verstanden –  es geht kaum um die Chancen, und viel um die prekären Sicherheiten.

Aber was wäre die Alternative? Man wünscht sich doch Sicherheit und genug Geld zum Leben.
Catharina: Aber natürlich wünscht man sich das! Zu welchem Preis muss jeder für sich selbst wissen. Man kann sich diese Privilegien auch selbstbestimmt gestalten. Ich war ja auch einige Jahre angestellt. Nur wurde ich nicht immer besser, sondern immer trauriger und wusste nicht warum. Ich war gut bezahlt und meine Chefs waren auch meist nett, die Aufgaben ok. Und trotzdem. Dann habe ich mich umgeschaut und gesehen, dass alle meine Kollegen eigentlich auch vollkommen unter ihren Möglichkeiten blieben – bei anderen fiel es mir schnell auf. Man engagiert sich in einem Laden, der einen auf einen Tätigkeitsbereich reduziert und beginnt sich selbst auch darauf zu reduzieren. Man versteift sich auf eine Möglichkeit der Weiterentwicklung, die innerhalb des Unternehmens und vergisst, dass man viele andere Dinge lieber machen würde und das Leben auch noch ganz andere Chancen bereithält. Als ich mich ständig fragte: „Was habe ich nur? Bemerkte meine Mutter damals treffend: „Du hast nichts. Dir fehlt etwas.“ Ich liebe die Deutsche Sprache für diese Klarheit. Denn das stimmte.

Und was fehlte Dir?
Catharina: Danach musste ich auch erst suchen. Ich habe gekündigt und erst mal ganz klassisch als selbstständige Grafikerin angefangen. Logos und Briefpapier für andere entwickelt. Aber mir wurde schnell klar, dass ich von meinen eigenen Ideen leben wollte und nicht als Dienstleister für die Ideen anderer. Und das habe ich heute verwirklicht. Mir wurde klar, dass es eine grundsätzlich neue Haltung zur Arbeit braucht, eine die die Selbstständigkeit beinhaltet, nicht als Form, sondern als Qualität. Und mit dieser Haltung, hat sich mein ganzes Leben verändert. Aus meinem Projekt „work is not a job“, ist ein Buch entstanden. Ich habe mit Sophie Pester zusammen supercraft und Lemon Books gegründet. Jetzt lebe ich komplett von meinen eigenen Ideen. supercraft ist ein Unternehmen, das sich gut entwickelt und in dem wir unsere Maßstäbe an eine selbstbestimmte Arbeitswelt und partizipative Wirtschaft praktisch gestalten können.

Aber trotzdem. Jetzt im November ist eure Messe hello handmade in Hamburg. Außerdem müsst Ihr Eure supercraft-Kits doch bestimmt immer pünktlich verschicken. Das sind ja inzwischen tausende. Wie schaffst Du es, dass Dir nicht alles über den Kopf wächst?
Catharina: Ich versuche mir immer selbst die Regeln zu machen. Wie ich was umgesetzt  haben möchte. „Nein“ und „Stopp“ sind wichtige Schlüsselworte, die man beherrschen  sollte. Und ich suche mir Leute, mit denen ich gemeinsam arbeiten kann. Das gemeinsame Ziel muss immer sein: Die Sache wird gut! Das klappt. Das Verschicken der supercraft-Kits ist zum Beispiel ein total verbindlicher Termin. Aber bisher haben wir es immer geschafft, pünktlich zu sein. Und wenn es mal eng werden sollte? Dann machen wir trotzdem unser Möglichstes und lassen uns nicht beirren. Das habe ich übrigens im Sport gelernt. Nirgends lernt man es mit Enttäuschung und Niederlagen besser fertig zu werden, als im Sport. Es gehört dazu, aber man darf seinen Antrieb deshalb nicht verlieren.

Ist da nicht auch viel Glück dabei? Und macht dir diese völlige Freiheit nicht trotzdem manchmal Angst? Kein Netz, kein doppelter Boden?
Catharina: Ach, Glück. Glück hat man auch nur, wenn man sich auf den Weg begibt. Und ich glaube wirklich nicht, dass es so etwas wie ein „Netz“ und „doppelten Boden“ im Leben tatsächlich irgendwo gibt. Natürlich habe ich auch Ängste, ich würde sogar sagen, dass ich ein eher vorsichtiger Mensch bin. Aber ich vertraue auf meine Leistungskraft, auf meine Ideen. Diese Gewissheit gibt mir letztlich vielmehr Sicherheit als ein Arbeitsvertrag von irgendeiner Firma, der ja auch gekündigt werden kann. Wenn etwas nicht mehr gehen sollte –  und das ist relativ normal, man muss sich ständig weiterentwickeln, dann muss ich mir was Neues ausdenken. Ängste lassen sich nur durch Praxis minimieren. Die Haltung mit der man an die Arbeit geht, macht den Unterschied. Die Angst im Kopf ist ja viel größer als die realen Bedrohungen. Wenn ich zum Beispiel in einer Runde frage, wie viele Menschen sich einen Marathon zutrauen würden, dann sind das nur sehr wenige. Aber in Wirklichkeit könnten es ziemlich viele von den Anwesenden. Sie müssten aber anfangen und trainieren. Das selbst aktiv werden, kann uns niemand abnehmen. Wenn ich mich einfach nur als Arbeitnehmer wahrnehme und mich vollkommen von Jobs abhängig mache, die eben erledigt werden sollen, bleibe ich zweifelsohne hinter meinen Möglichkeiten. Wenn ich aber die Verantwortung für meine Arbeit übernehme, kann ich mich entwickeln. Ich liebe dieses Wort! Ich entwickele, was vorher verwickelt war.

Das heißt letztlich, dass man sich einfach viel mehr selbst trauen sollte, statt darauf zu warten, dass die Umstände sich verbessern, so wie das im Moment viele tun?
Catharina: Man sollte sich selbst in der Zuständigkeit sehen, die Umstände zu verbessern! Es geht mir um eine andere Haltung zur Arbeit. Kurz könnte man es so sagen: Jobs sind das, was wir für andere erledigen müssen und Arbeit ist das, was wir für uns selbst tun können. Jobs sind auch Arbeit aber sie vernachlässigen zu häufig, und auch ganz natürlicherweise persönliche Interessen, Wünsche und Talente. Jobs entstehen aus einer Notwendigkeit anderer, Arbeit jedoch, aus persönlicher Notwendigkeit. Im besten Fall schaffen wir es, sie wie Spiel, mit Wettbewerb und Herausforderung wahrzunehmen und zu handhaben,  inklusive der Anstrengungen, Ängste, Unsicherheiten etc., dann bekommt sie automatisch eine gestalterische Dimension.  Es ist vollkommen legitim, sich dagegen zu entscheiden, nur sollte man sich dann nicht so viel wundern. Die eigene wirtschaftliche Mündigkeit zu erlangen oder auf die so genannte „Fürsorgepflicht“ von Staat und Unternehmen zu hoffen – die Entscheidung liegt bei jedem selbst.
Meine Botschaft ist: Fragt euch: Was möchte ich gestalten? Und nicht: Wessen Vorgabe möchte ich erfüllen? Diese Frage kann man sich als Angestellter genauso wie als Selbstständige stellen und auch eine Antwort finden. Die Arbeit, die sich aus dieser Antwort ergibt, die kann richtig viel Freude, inhaltliche Zufriedenheit, ja, sogar so etwas wie Erfüllung bringen. Letztlich geht es doch vor allem um die Frage: Wie möchte ich leben?