Interessierte Selbstgefährder: So schützen Sie sich vor Selbstausbeutung

In immer mehr Unternehmen genießen Beschäftigte mehr Freiheiten. Statt strenge Vorgaben vom Chef erfüllen zu sollen, dürfen sie selber denken. Sie sollen es sogar. Ihre eigenen Wege von der Idee zum erfolgreichen Projekt finden, ihre Zeit selbst einteilen, ihre Aufgaben eigenständig priorisieren. Man ist auch nicht mehr darauf angewiesen, dass der Chef nett „Danke!“ und „Gut gemacht“ sagt. Man sieht den Erfolg ja selbst, wenn das Produkt gut läuft oder die Präsentation richtig reinknallt. Für viele fühlt es sich gut an, wenn ein Unternehmen so funktioniert. Man arbeitet irgendwie freier, selbstständiger und auch selbstbestimmter.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer, wie man so schön sagt. Der Experte für moderne Arbeitsformen, Professor Andreas Krause von der Fachhochschule Nordwestschweiz hat mit seinen Kollegen Klaus Peters in aufwendigen Studien und Befragungen in Unternehmen herausgefunden, dass diese neue Art der Beschäftigung, die ein wenig an das Leben von Selbstständigen erinnert, ziemlich krasse Fallstricke für die Gesundheit birgt. Und das, obwohl man das Gefühl hat, man hätte echt einen tollen Job.

Und zwar diese:

  • Man hat ständig den Gedanken, man könnte noch kreativer und eigenständiger arbeiten, es wäre noch besser, wenn man noch mehr Begeisterung für die eigene Arbeit entwickeln würde. Hat man einen schlechten Tag, hat man das Gefühl, man sei kein guter Beschäftigter (und muss das vielleicht am nächsten Tag wieder ausbügeln).
  • Manche entwickeln so eine Begeisterung für ihre Aufgaben, dass sie sich selbst gegenüber eine gewisse Rücksichtslosigkeit entwickelt („Ach, zum Sport schaffe ich es heute nicht, ich habe heute Nachmittag einfach zu lange mit dem Kunden XY telefoniert. Selbst Schuld“ und auch den Kollegen gegenüber: „Wie, Du willst heute früher gehen, weil Deine Freundin Geburtstag hat?“ sich selbst gegenüber führen (ebenso wie Angst vor dem Versagen).
  • Es gibt Krach im Team, weil leistungsstarke Mitarbeiter («High Performer») immer noch mehr Aufgaben übernehmen. Andere, die sich eben nicht so übermäßig engagieren möchten, widersetzen sich.
  • Andere entwickeln ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kollegen, die so super viel und immer so super engagiert arbeiten.
  • Überlastung wird irgendwie normaler. In vielen Abteilungen heißt es: «Jedes Jahr eine Schippe drauflegen» ist das Normale.
  • Die meisten spüren und wissen ganz genau, was für sie gut wäre. Zum Beispiel einen Tag zu Hause bleiben, wenn man merkt, dass einen ein grippaler Infekt anfliegt. Aber die meisten tun trotzdem genau das, was schlecht für sie ist – und gehen beispielsweise ins Büro, auch wenn das Fieber sich schon bemerkbar macht.
  • Manche bleiben auch länger als 10 Stunden in der Firma – sogar wenn es offiziell untersagt ist. Sie checken sich aus und mogeln sich einfach an der Stechuhr vorbei wieder rein ins Büro.
  • Viele tendieren dazu, mehr Arbeitszeit zu investieren als die Projekte ihnen an Erfolg – einfach weil man jede Aufgabe richtig gut erledigen möchte. Es wird viel «unsichtbare Leistung» erbracht.
  • Die Trennung von Arbeit und Privatleben wird immer weniger eindeutig.
  • Grübeln und Schlafschwierigkeiten sind häufige Folge («Kopfkino», «Was habe ich heute überhaupt geschafft?»)
  • Im Extremfall kann sich auch ein Burnout-Prozess entwickeln: Der Wechsel aus Anstrengung und Erholung gelingt nicht mehr.

Was hilft? Auf persönlicher Ebene: Zum Beispiel den eigenen Rhythmus und den Umgang mit Stress ins Auge fassen und ein wenig in die gesunde Richtung bewegen. Zum Beispiel, in dem man wieder lernt, wie man vom Job abschaltet und sich erholt.

Dazu gibt es gerade aktuell einen Artikel bei www.karrierebibel.de von mir: „Endlich Feierabend: 5 Tipps, wie Sie die Gedanken an den Job abschalten”

Hier auch die Checkliste von Andreas Krause:

Aktiv Selbstgefährdung vermeiden (Checkliste)

  1. Setzen Sie Bewältigungsstrategien ein, die sich langfristig negativ auf Ihre Gesundheit auswirken?
  2. Was sind Vorteile und Nachteile dieser gesundheitskritischen Bewältigungsstrategien?
  3. Wie erholen Sie sich am besten?
  4. Woran merken Sie, dass Sie an Ihre Grenzen gehen, was ist Ihr persönliches Frühwarnsymptom?
  5. In welchen Situationen gehen Sie an Ihre Grenzen?
  6. Was möchten Sie neu erproben in den kommenden Wochen und Monaten?

Das empfiehlt das Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung der AOK den Unternehmen: „Der Aufbau sozialer Unterstützungssysteme und Teamarbeit hilft dabei, Belastungen früh zu erkennen und abzufedern. Auch eine Sensibilisierung der Belegschaft für die eigenen psychischen und körperlichen Reaktionen auf Verausgabung erhöht die Chance, dass Mitarbeiter Warnsignale ernst nehmen und sich selbst für eine neue Balance ihrer verschiedenen Lebensbereiche einsetzen. Angebote für Bewegung oder gesunde Verpflegung im Betrieb machen es leicht, sich auch dort gesundheitsförderlich zu engagieren. Eine der wichtigsten Stellschrauben für die Gesundheit der Mitarbeiter sind die Führungskräfte. Die Führungskräfte darin zu qualifizieren, die negativen Folgen der indirekten Steuerung zu begreifen, gemeinsam mit den Beschäftigten die Veränderungen zu diskutieren und für Entlastungen zu sorgen, ist erforderlich. Ein Realitätscheck der Zielsetzungen kann dabei hilfreich sein, wie auch die Aufnahme von Gesundheit in die unternehmerischen Ziele.”